Womöglich ist womöglich ein ziemlich unnützes Wort

Der Vater hat immer gesagt: Wenn man die Augen schließt und sich genügend lange an einen anderen Ort denkt, kommt man irgendwann dort an. Er hat nicht erzählt, wie erschreckend die Rückkehr sein kann, wenn man die Augen dann wieder öffnet.

 

BEIM SCHUHMACHER

Schon der Großvater war Schuhmacher. Auch der Vater war Schuhmacher. Also wurde ich ebenfalls Schuhmacher. Womöglich hatte ich eine Wahl, doch ich habe sie offenbar gescheut. Womöglich wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich nicht Schuhmacher geworden wäre. Womöglich wäre es besser gewesen. Womöglich nicht. Womöglich ist womöglich ein ziemlich unnützes Wort.

Das Leben, das ich führe und vor mir her schiebe, es ist ein stilles Leben. Und mit der Zeit, die stetig durch die Arterien dieses Lebens floss, wurde es wohl immer stiller. Gerade so, als wären Jahre und Dezibel in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Ich höre weniger Klänge, weniger Klangvolles. Vielleicht hat auch einfach mein Hörvermögen nachgelassen, oder ich blende sie aus, die Geräusche; ich weiß es nicht.

Manchmal höre ich sie trotzdem; die scharrenden Schritte der Leute vor dem Fenster, ihr dumpfes Gemurmel, mitunter durchdrungen von einem schrillen Jauchzen des Entzückens. Zumeist ignoriere ich sie, versuche es zumindest, versuche mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, auf das Stück Leder in meiner Hand, auf die neue Sohle. Bisweilen blicke ich dennoch auf und sehe sie, wie sie durch die kleinen Fenster spähen und ihre Augen zusammenkneifen, dann einen Schritt zurücktreten und ein verträumtes Lächeln zeigen, das sie nicht selten äußerst merkwürdig aussehen lässt, beinahe dümmlich. Wahrscheinlich schenkt der Laden eines Schuhmachers einigen unter ihnen eine Reise in eine vergangene Zeit, vielleicht erwachen bei manchen warme Erinnerungen, vermutlich denken sie an die vermeintlich heile Welt von damals und daran, wann und wie sie verloren ging. Ich habe derweil nichts von ihren Erinnerungen, ich brauche keine Reise in die Vergangenheit, wohl auch, weil ich zum Teil noch in ihr lebe. Vielleicht ärgern sie mich auch deshalb so sehr, diese Leute mit ihrem verträumten Lächeln und ihrem banalen Entzücken und ihrem unbeteiligten Ergötzen. Weil sie weitergehen können und dabei nach vorne blicken. Und ich weiterhin in meinem Laden hocke.

Eigentlich hätte ich schon längst aufhören sollen. Doch ich kann nicht. Noch nicht. Da ist etwas, das mich weitertreibt, etwas, woran ich mich klammern kann in den düsteren Stunden, wenn die Zweifel noch lauter nagen als sonst. Es ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit einer Frau.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihr Gesicht vor mir, kann es sogar berühren, zumindest mit Fingern, die nicht meine sind. Ich kann den Augenbrauen folgen, die zur Mitte hin eine merkwürdig abrupte Kurve beschreiben. Ich kann über die hohen Wangenknochen stolpern, über die Wölbung ihrer Oberlippe. Ich kann ihr seltsam langsames Blinzeln registrieren. Und alles ist so nah, als wäre es gestern geschehen, und zugleich so fern, als lägen Ewigkeiten dazwischen.

Als sie damals den Laden betrat, tat sie es vorsichtig, als würde sie eine finstere Höhle erkunden. Ihr war anzusehen, dass sie nur selten oder vielleicht noch nie in den Räumlichkeiten eines Schuhmachers gewesen war. Trotz ihrer Unsicherheit war ihr Körper von einer seltenen Anmut erfüllt, beinahe so, als würde sie auf eine Bühne treten. Sie grüßte freundlich und erzählte sogleich eine kurze Anekdote, die von einem erfolglosen Vorstellungsgespräch handelte und darin mündete, dass nach einem kurzen Fehltritt der Absatz ihrer besten Schuhe kaputtgegangen war.

Was sich daraus entwickelte, lässt mich noch heute innerlich erbeben. Ich weiß nur zu genau, was an jenem Tag alles geschah, doch ich mag darüber keine Worte verlieren. Was ich auch sagen oder schreiben würde, es könnte nicht genügen als Beschreibung, als Schilderung. Vielmehr würde es jenem Tag seinen Zauber nehmen, würde die Begegnung zur schnöden Episode verkommen lassen. Ich gestehe aber, dass ich in jener Stunde meines Daseins mein Herz verlor, ein Herz, das ich zuvor beinahe verbissen in meinen Brustkorb gesperrt hatte.

Jene Frau, Eva ihr Name, versicherte mir beim Abschied ebenfalls, dass etwas Besonderes geschehen war, etwas, das ihr Leben bis zum Fundament erschüttert hatte; eine Erschütterung, für deren Schönheit sie ihrerseits keine Worte kannte. Trotzdem musste sie damals weiterreisen. Sie versprach aber, so rasch wie möglich zurückzukehren. Als Pfand und Zeichen der Ernsthaftigkeit ihrer Absichten ließ sie mir ihre Schuhe da, den kaputten und den unversehrten. Sie küsste mich zum Abschied und ging barfuß ihrer Wege.

Seither stehen diese Schuhe in einem Regal und warten – wie ich – auf die Rückkehr ihrer Besitzerin. Und nicht selten begebe ich mich zum nahen Bahnhof und setze mich dort auf das Bänklein, warte Zug um Zug ab und halte Ausschau nach Eva.

 


BEIM BAHNHOF

Ein Bahnhof liegt stets zwischen den Dingen, zwischen den Polen. Kaum jemand verbringt mehr Zeit als notwendig an einem Bahnhof, denn ein Aufenthalt am Bahnhof bedeutet in der Regel Warten; das Warten auf einen Zug, das Warten auf ein Weiterkommen, das Warten auf den Fortgang des Daseins, vielleicht auch das Warten auf einen Menschen. Wie auch immer; das Warten an sich ist zumeist keine freiwillige Beschäftigung, sondern eine Notwendigkeit. Und nicht selten scheint es, als wäre die Zeit, die man mit Warten verbringt, nichts wert, weil sie eigentlich nur den Lauf des Lebens verzögert. Ich weiß nicht. Auch ich warte hier, oftmals mit unbändiger Sehnsucht. Doch obschon das Warten bisher vergebens war, mag ich es. Ich mag diese Minuten und Stunden, die derart in der Schwebe sind. Und ich mag es, die Menschen zu sehen, die diese Minuten und Stunden mit mir teilen, zumindest in Fragmenten.

Da sind jene, die zufällig vorbeikommen, eine Reise tun oder geschäftlich unterwegs sind. Da sind jene, die jeden Tag um die gleiche Zeit auf dem gleichen Flecken Asphalt stehen und auf ihr Bähnchen warten und schon nach zehn Sekunden Verspätung nervös auf die Uhr blicken. Da sind auch jene, die hier arbeiten. Der Bahnhofsvorstand, die Bähnler im Depot. Auch sie sind teilweise in Berufen gefangen, die eine reiche Vergangenheit haben, aber wohl nur noch eine ärmliche Zukunft, in der ihnen zufällig vorübergehende Menschen ein verträumtes Lächeln schenken. Bisweilen kommt es mir vor, als bevölkerten wir ein Museum, wären Teil eines zeitgeschichtlichen Experimentes.

Wenn ich hier warte, sitze ich jeweils auf einem Bänklein. Oft habe ich mein Notizbuch dabei, schreibe Dinge auf, versuche zu zeichnen. Manchmal schaue ich auch einfach nur den Menschen beim Menschsein zu. Manche dieser Menschen hinterlassen einen bleibenden Eindruck, erzeugen Fußspuren im alltäglichen Gefüge. Dann schreibe ich sie in mein Büchlein und lasse sie dort weiterleben.

Einer dieser Menschen in meinem Büchlein ist ein Mann, wohl etwa sechzig Jahre alt, womöglich auch älter. Er ist nicht regelmäßig am Bahnhof, nur hin und wieder, und meistens ist er dabei Teil einer Gruppe. Aus dieser jeweiligen Gruppe sticht er heraus, nicht optisch, sondern akustisch, denn er hat ein Lachen, distinktiv und laut, ein wohliges Donnern. Er lacht häufig, dieser Mann, ganz egal, ob der Witz nun gut war oder nicht. Die meisten Witze, die man sich so erzählt, sind nicht gut, sind nicht witzig, das ist eine Tatsache. Doch dieser Mann lacht trotzdem sein lautes, ureigenes Lachen. Und lässt sogar die schlechtesten Witze in ungewohntem Licht erstrahlen.

Eine andere Person, die ich häufig hier sehe, ist eine Frau, nicht jung, nicht alt, ihr Haar von einer undefinierbaren Farbe zwischen fahlem Blond und bleichem Grau. Jedes Mal ist es ihr unmöglich, eine Sekunde lang an gleicher Stelle zu verweilen, stets geht sie umher, eilt von einer Ecke des Bahnhofs zur anderen, gerade so, als würde sie etwas suchen. Sie findet es nie, was auch immer es ist. Einmal habe ich sie gefragt, ob sie etwas verloren habe, doch sie hat nur ihre Schultern gezuckt und ist wortlos weitergeeilt.

Manchmal sehe ich einen jungen Mann mit Brille, der immer eine Jacke trägt, ganz egal, wie warm die Luft ist. Es ist nicht immer die gleiche Jacke, aber jede Jacke, die er trägt, ist zu kurz, jede Jacke reicht nur bis zur Mitte des Bauches. Auch die Hosen sind stets zu kurz, sie enden zumeist zwischen Knie und Knöchel. Der Mann, er sieht aus wie ein großer Junge, und beinahe wirkt es, als ob er sich gegen den Verlust der Kindheit wehre. Er klammert sich an sein früheres Ich, und weil sein Körper sich dem Lauf der Zeit nicht widersetzen kann, tut es eben seine Kleidung.

Ab und zu trottet ein Hund über das Bahnhofsareal, ein Golden Retriever. Bisweilen verharrt er, schnüffelt mit seiner Schnauze an einer Ecke oder einer beliebigen Stelle auf dem Asphalt. Dann geht er weiter, träge und müde, die Zunge aus dem Maul hängend. Er scheint niemandem zu gehören, er ist ganz allein. Es ist seltsam, das Alleinsein zu betrachten. Man wird melancholisch. Oder man bemerkt vielmehr, wie die Melancholie, die sowieso immer da ist, pochend in den Hals steigt.

Einer, den ich ebenfalls häufig hier sehe, ist Herr Breguet. Er heißt ziemlich sicher ganz anders, aber ich nenne ihn so, nach Abraham Louis Breguet, der die erste Armbanduhr der Welt gebaut hat. Der Herr Breguet vom Bahnhof trägt natürlich nicht die erste, aber doch eine ziemlich alte Armbanduhr, eine mechanische. Und während er jeweils auf den Zug wartet, zieht er seine Uhr auf. Er tut es nicht ruhig und langsam, sondern hastig und äußerst energisch. Mit verbissenem Ernst dreht er an der kleinen Krone, als hinge sein Leben davon ab. Dann wieder vergleicht er die Zeit auf der Armbanduhr mit der Zeit auf der Bahnhofsuhr und dreht erneut an der Aufzugskrone, wobei seine Zunge nicht selten durch seine Lippen dringt. Ich weiß nicht, woher sein Eifer rührt. Womöglich ist er gerne pünktlich. Womöglich hat er Angst, in einer falschen Zeit zu leben. Womöglich will er auch einfach keine Zeit verlieren.

Hin und wieder begegnen mir am Bahnhof auch zwei ältere Damen. Womöglich Schwestern, vielleicht auch jahrzehntelange Freundinnen, oder aber Zweckverbündete, ich weiß es nicht. Sie scheinen häufig gemeinsam Ausflüge zu unternehmen, mitunter tragen sie Wanderschuhe und diese seltsamen halblangen Hosen, in die man sich nur für Wanderungen kleidet. Wenn ich sie sehe, diese beiden Damen, schreibe ich ihnen episodische Fragmente in ihre Lebensgeschichten, ich male Skizzen in ihre Biografien, von denen sie nichts wissen. Ich kenne sie nicht, aber so, wie ich sie mir vorstelle, in meinem Büchlein, kenne ich sie besser als sie selbst. Manchmal, wenn ich sie beobachte, habe ich den Eindruck, sie beobachteten ihrerseits mich; sie tuscheln bisweilen, vielleicht über mich. Mitunter wundere ich mich, welche Geschichten sie für mich erfinden.

All diese Leute, die ich hier am Bahnhof erblicke, sie haben etwas gemeinsam: Sie sind nicht der Grund, warum ich hier bin; sie sind nicht die Frau, auf die ich warte, seit gefühlten Jahrhunderten. Bald kommt ein weiterer Zug. Wer weiß, vielleicht sitzt sie dieses Mal drin. Wahrscheinlich nicht. Und vielleicht spielt es längst gar keine Rolle mehr. Manchmal weiß ich nicht genau, ob ich überhaupt will, dass Eva zurückkehrt. Da ist diese diffuse Angst, dieses bange Gefühl, dass Eva sich in meiner Fantasie, in meinem Innern an einem Ort befindet, den sie in der Realität niemals erreichen könnte.

Der Zug fährt ein, Menschen steigen ein, Menschen steigen aus. Da! Eine Frau, die durchaus Eva sein könnte! Ich schaue ganz genau, registriere jeden Schritt der Frau. Doch ich stehe nicht auf. Wahrscheinlich ahne ich, dass es sich nicht lohnt.

Die Frau geht ihrer Wege, der Bahnhof leert sich wieder. Ich beschließe, noch kurz meinen Freund Paul zu besuchen, der wahrscheinlich gerade im Bahndepot arbeitet. Womöglich reinigt er die Bahnwaggons, vielleicht ölt er die Scharniere der alten Türen, oder er steht lediglich mit starrem Blick im Depot, blickt abwechselnd von den modernen Zügen zu den alten Waggons und fragt sich, wo eigentlich die Zeit abgeblieben ist.

 


IM BAHNDEPOT

Paul ist nicht da. Niemand ist da. Alles ist still im Bahndepot, in der Luft hängt der Geruch von Metall und Öl. Es ist eine seltsame Atmosphäre. Aber seltsam ist nicht immer unangenehm.

Der Paul. Ich mag den Paul. Auch wenn es wohl nicht viele gibt, die gleich empfinden. Paul ist das, was man einen seltsamen Kauz nennt. Er ist ein Eigenbrötler, eine tragische Figur, doch wie er sich so durch die Welt schleicht und windet, ist er auch ein sehr liebenswerter Mensch. Aber eben, er führt ein mehrheitlich entvölkertes Dasein. Ein Dasein, das scheinbar nicht mit dem Lauf der Zeit hatte mithalten können.

Das Leben, das er führt und vor sich her schiebt, es ist ein stilles Leben. Und mit der Zeit, die stetig durch die Arterien dieses Lebens floss, wurde es wohl immer stiller. Gerade so, als wären Jahre und Dezibel in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Er hört weniger Klänge, weniger Klangvolles. Vielleicht hat auch einfach sein Hörvermögen nachgelassen, oder er blendet sie aus, die Geräusche; ich weiß es nicht.

Wenn ich an Paul denke, verspüre ich häufig eine merkwürdige Melancholie in mir; ich stolpere von nebulöser Traurigkeit zu froher Erfüllung und wieder zurück in eine bleierne Schwermut, die bisweilen von einer schulterzuckenden Leichtigkeit wieder fortgespült wird. Mir scheint, als würde ich Paul zugleich bedauern und beneiden. Und ich weiß gar nicht, welches Empfinden mir mehr missfällt.

Paul arbeitet nicht nur im Bahndepot, er ist auch ein Poet. Zumindest wäre er gerne einer. Er schreibt seine Gedichte auf einer Schreibmaschine, es ist eine alte Hermes, die schon im Besitz seines Großvaters war. Er schreibt auf schnödes Papier, und wenn er einige Gedichte beisammen hat, heftet er die Blätter zusammen und versucht, sie Passanten oder auch den letzten verbliebenen Buchhandlungen der Region zu verkaufen. Natürlich kauft fast niemand seine merkwürdigen, aus der Zeit gefallenen Poesiehefte. Ich bin einer seiner wenigen Leser, habe bereits einige Exemplare erworben. Pauls Gedichte, sie sind nicht schlecht. Inhaltlich vielleicht ein wenig belanglos, aber umso dramatischer in den Formulierungen und nicht selten sehr pathetisch. Sie treffen meinen Geschmack mit nahezu keinem Wort. Und ich bezweifle, dass er damit ein Publikum fände. Doch Paul hält an seiner Hoffnung fest, klammert sich geradezu an sie.

Wenn Paul jetzt hier wäre, er würde wohl eines seiner Poesiehefte hervorholen und ein Gedicht vortragen. Und wahrscheinlich würde er davon erzählen, wie einmal ein Herr seine Werke gelesen und in höchsten Tönen gelobt hatte. Gar wunderlich seien die Gedichte, zauberhafte Worte, gekleidet in eine zutiefst berührende Sprache. Dieser Herr, er hatte offenbar gute Kontakte zu einem Verlagshaus, zumindest war dies seine Behauptung, und er versprach, für Paul mehr als nur ein gutes Wort einzulegen. Er werde so bald wie möglich wieder zurückkehren, um weitere Werke von Paul lesen zu können, und vielleicht hätte er dann sogar erfreuliche Neuigkeiten aus dem Verlagshaus. Seither wartet Paul, sehnt den Tag herbei, an dem der Mann wieder auftaucht, wartet auf den Moment, in welchem sein Leben jene Wendung nimmt, die es in seinen Träumen längst vollzogen hat. Falls es diese Begegnung mit diesem mysteriösen Herrn tatsächlich gegeben hat, ist sie viele Jahre her, denn Paul erzählt schon lange davon. Mittlerweile ist sein Enthusiasmus einer ziemlich flügellahmen Zuversicht gewichen. Trotzdem schreibt er weiter auf seiner Hermes, heftet die Blätter zusammen, versucht sie zu verkaufen und wartet auf das Eintreffen des ominösen Mannes.

Paul würde es nicht gefallen, wenn ich so über ihn rede, aber ich glaube, er weiß selbst nur zu gut, dass sich seine große Hoffnung mit relativer Sicherheit nicht erfüllen wird. Wahrscheinlich wünscht er sich sogar, dass seine Fantasie nicht zur Realität wird, denn der Realität fehlt etwas, etwas Entscheidendes, zumindest glaubt das Paul. Und ich bin geneigt, ihm beizupflichten.

Von den all den blumigen Sätzen, die Paul in seine Hefte geschrieben hat, ist mir eine Passage in Erinnerung geblieben: «Die Zeit läuft und läuft. Und meistens läuft sie an mir vorbei.» Ich weiß nicht mehr, in welchen Zusammenhang Paul diese Worte gestellt hat, ich weiß auch nicht, was ihn dazu veranlasst hat, dies zu schreiben. Doch für einmal weiß ich genau, was er damit meint.

Und dann, dann stehen wir nebeneinander, Paul und ich, mit geschlossenen Augen. Wir enteilen dem Hier, wir enteilen dem Jetzt, wir verneinen die Zeit und ihren Lauf. Irgendwann sehen wir Paul in einem warmen Raum, Staub hängt in der Schwebe. Er umklammert ein Buch, auf dem sein Name steht, seine Brust ist geschwollen, sein Rücken gerade. Menschen treten zu ihm hin, klopfen ihm auf die Schulter, und Paul, er lässt es geschehen, er lässt sich feiern, als anerkannten Poeten, als Mann der großen Worte. Und ich, ich strebe derweil in Evas Arme, grabe meinen Kopf in ihr Haar, atme ihren Duft ein, als wäre er Sauerstoff. Ich umklammere ihren Körper und spüre, wie das Blut warm und stetig durch ihre Adern strömt. Und obschon meine Augen geschlossen sind, sehe ich ihr Gesicht vor mir, kann es sogar berühren, zumindest mit Fingern, die nicht meine sind. Ich kann den Augenbrauen folgen, die zur Mitte hin eine merkwürdig abrupte Kurve beschreiben. Ich kann über die hohen Wangenknochen stolpern, über die Wölbung ihrer Oberlippe. Ich kann ihr seltsam langsames Blinzeln registrieren. Und irgendwann, wenn das Umfeld an mir zerrt oder das Anhalten der Zeit zu anstrengend wird, öffne ich die Augen wieder. Ich taumle zurück in das Jetzt, zurück in das Hier. Und ich frage mich, ob dereinst der Tag kommen wird, an dem ich bei dieser Rückkehr nicht mehr erschrecke.


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Photo: Brittanie Loren Pendleton (CC BY-NC-ND 2.0)

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